Friedrich von Bodelschwingh-Schule
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Die Zukunftswerkstatt ist das zentrale und profilprägende Element der Berufsorientierungsstufe. Sie findet einmal wöchentlich statt und wurde speziell für die besonderen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule entwickelt. Die Konzeption der Zukunftswerkstatt basiert auf langjähriger Beobachtung und intensiver Erfahrung in der Begleitung junger Menschen mit geistiger Entwicklung. Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass unsere Schülerinnen und Schüler in der Gesamtgesellschaft nur wenige Vorbilder und Orientierungspunkte für ihre eigene Zukunftsgestaltung finden. Lebensentwürfe von Menschen mit geistiger Behinderung sind kaum sichtbar, viele Fragen zu Arbeit, Wohnen, Partnerschaft, Verantwortung und Selbstständigkeit bleiben unbeantwortet.
Unter dem Leitmotiv „Leben mit Behinderung“ greift die Zukunftswerkstatt diese Orientierungslücke gezielt auf. Sie bietet einen geschützten Rahmen, in dem die Schülerinnen und Schüler ihre eigene Lebenssituation reflektieren, Wissen erwerben, Kompetenzen entwickeln und realistische Zukunftsperspektiven aufbauen können.
Die Zukunftswerkstatt ist nicht klassenbezogen organisiert. Schülerinnen und Schüler aus allen Klassen der Berufsorientierungsstufe nehmen teil. Die Gruppen werden klassen- und jahrgangsübergreifend zusammengesetzt und orientieren sich an individuellen Entwicklungsständen und thematischen Bedarfen. Dadurch wird eine passgenaue Förderung ermöglicht.
Die Zukunftswerkstatt besteht aus sieben thematisch eigenständigen Modulen, die unabhängig voneinander durchgeführt werden:
Modul 1: Fit fürs Praktikum
Das Modul „Fit fürs Praktikum“ richtet sich an Schülerinnen und Schüler im 11. Schulbesuchsjahr und schließt unmittelbar an die Erfahrungen aus dem Einstiegsinstrument, der dreitägigen Berufsfelderkundung sowie dem fünftägigen Berufsorientierungscamp in Rüthen an. Das Camp stellt für viele Schülerinnen und Schüler eine besonders prägende Lernphase dar, da sie dort über mehrere Tage hinweg außerhalb des schulischen Alltags neue Anforderungen bewältigen und sich in unterschiedlichen Rollen erproben.
Im Berufsorientierungscamp erwerben die Schülerinnen und Schüler zentrale personale, soziale und arbeitsrelevante Kompetenzen. Dazu zählen insbesondere Selbstvertrauen, Durchhaltevermögen, Teamfähigkeit, Verantwortungsübernahme sowie die Fähigkeit, mit neuen und herausfordernden Situationen umzugehen. Der Hochseilgarten in Rüthen bietet hierfür einen besonderen Lernort, an dem die Schülerinnen und Schüler lernen, eigene Grenzen wahrzunehmen, Ängste zu überwinden, Vertrauen aufzubauen und sich gegenseitig zu unterstützen. Begleitende Reflexionsphasen fördern eine intensive Auseinandersetzung mit den eigenen Stärken und Entwicklungsfeldern.
Diese Erfahrungen werden im Modul „Fit fürs Praktikum“ gezielt aufgegriffen, vertieft und auf berufliche Anforderungen übertragen. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich systematisch mit ihren beruflichen Möglichkeiten nach dem Förderschulabschluss auseinander und lernen sowohl Perspektiven auf dem freien Arbeitsmarkt als auch in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung kennen. Sie erstellen Bewerbungsschreiben und Lebensläufe, üben Bewerbungsgespräche und befassen sich mit Rechten und Pflichten im Arbeitsverhältnis.
Ein weiterer zentraler Bestandteil ist der Besuch einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung, der realistische Einblicke in Arbeitsabläufe und Strukturen ermöglicht. Ziel des Moduls ist es, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, ihre eigenen Interessen, Fähigkeiten und Grenzen realistisch einzuschätzen, Praktika möglichst auf dem freien Arbeitsmarkt zu absolvieren und auf dieser Grundlage fundierte und selbstbestimmte Entscheidungen für ihren weiteren Berufsweg zu treffen.
Modul 2: Sicherheit und Gesundheit
In diesem Modul erwerben die Schülerinnen und Schüler grundlegende Kompetenzen im Bereich Selbstschutz und Gesundheitsvorsorge. Thematisiert werden unter anderem Sicherheit im Internet, Risiken von Nikotin- und Alkoholmissbrauch sowie Gefahren ungeschützten Sexualverkehrs.
Die Schülerinnen und Schüler werden für Risiken sensibilisiert und lernen, verantwortungsbewusste Entscheidungen für sich selbst und andere zu treffen.
Modul 3: Gesetzliche Betreuung
Dieses Modul richtet sich an Schülerinnen und Schüler im 12. Schulbesuchsjahr. Sie setzen sich intensiv mit dem Thema gesetzliche Betreuung auseinander. Behandelt werden Bedeutung, Aufgabenbereiche, Voraussetzungen und Ablauf der Beantragung einer gesetzlichen Betreuung. Ziel ist es, Transparenz zu schaffen, Ängste abzubauen und die Schülerinnen und Schüler in ihrer Selbstbestimmung zu stärken.
Modul: Entlassprojekt
Das Entlassprojekt richtet sich an die Schülerinnen und Schüler im 12. Schulbesuchsjahr und begleitet sie intensiv in der letzten Phase ihrer Schulzeit. Ziel ist es, den Übergang von der Schule in das Leben nach der Schulzeit bewusst zu gestalten und die Schülerinnen und Schüler auf zentrale Anforderungen eines möglichst selbstständigen Erwachsenenlebens vorzubereiten. Ein wesentlicher Bestandteil des Entlassprojekts ist der Umgang mit Geld. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich praxisnah mit finanziellen Grundlagen auseinander und erwerben Kompetenzen, die für ihren zukünftigen Alltag von großer Bedeutung sind. Sie lernen, Einnahmen und Ausgaben zu strukturieren und unterscheiden zwischen Fixkosten, notwendigen Ausgaben und Luxusausgaben. Im Rahmen eines Besuchs bei der Sparkasse werden grundlegende Bankgeschäfte anschaulich vermittelt. Der Überweisungsprozess wird Schritt für Schritt erklärt, der sichere Umgang mit EC-Karten und Geldautomaten eingeübt und thematisiert, wie ein eigenes Konto eröffnet wird. Ziel ist es, finanzielle Abläufe zu verstehen und verantwortungsvoll mit Geld umgehen zu können.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Thema Wohnen. Die Schülerinnen und Schüler setzen sich mit unterschiedlichen Wohnformen für Menschen mit Behinderung auseinander und reflektieren, welche Wohnform zu ihren individuellen Bedürfnissen und Lebensvorstellungen passt. Dabei werden unter anderem das ambulant betreute Wohnen sowie weitere betreute Wohnformen vorgestellt. Die Schülerinnen und Schüler erfahren, wer sie bei der Wohnraumsuche und im Alltag unterstützen kann, welche Ansprechpersonen und Institutionen es gibt und welche Schritte notwendig sind, um einen Wohnplatz zu finden.
Durch die intensive Auseinandersetzung mit den Themen Geld und Wohnen werden die Schülerinnen und Schüler darin unterstützt, ihre Zukunft realistisch einzuschätzen und tragfähige Perspektiven zu entwickeln. Das Entlassprojekt verbindet damit lebenspraktisches Lernen, Selbstreflexion und konkrete Vorbereitung auf den Übergang in ein selbstbestimmtes Leben nach der Schulzeit.
Ein weiterer zentraler Bestandteil des Moduls ist die aktive Mitgestaltung der eigenen Entlassung. Die Schülerinnen und Schüler werden dabei gezielt unterstützt, ihre Abschlussphase nach ihren individuellen Wünschen, Interessen und Möglichkeiten zu planen und umzusetzen. Ziel ist es, ihnen zu ermöglichen, Verantwortung zu übernehmen, eigene Ideen einzubringen und Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Je nach Jahrgang entstehen dabei sehr unterschiedliche Formen der Gestaltung. Einige Jahrgänge entscheiden sich beispielsweise für die Organisation eines sogenannten X-Day. An diesem Tag fällt der reguläre Unterricht für die älteren Jahrgänge aus. Stattdessen planen und gestalten die Schülerinnen und Schüler Spiele, Aktionen und – in einem altersangemessenen Rahmen – auch humorvolle Lehrerstreiche. In Anlehnung an Abschlussaktionen anderer Schulformen erleben die Schülerinnen und Schüler diesen Tag als besonderen Höhepunkt ihrer Schulzeit und als selbst gestalteten Abschied von ihrem Schulalltag. Andere Jahrgänge entscheiden sich für Mottopartys, die sie weitgehend selbst organisieren. Dazu gehören die Auswahl eines gemeinsamen Mottos, die Planung von Ablauf und Programmpunkten sowie die Gestaltung des schulischen Rahmens. In manchen Jahrgängen ist auch eine Übernachtung in der Schule Teil des Abschlussprogramms, die den Gemeinschaftssinn stärkt und für viele Schülerinnen und Schüler eine besondere Erfahrung darstellt. Darüber hinaus entwickeln einige Gruppen eigene Abschluss-T-Shirts, die sie gemeinsam entwerfen, gestalten und organisieren. Auch hier übernehmen die Schülerinnen und Schüler Verantwortung für Planung, Gestaltung und Umsetzung und erleben, dass ihre Ideen sichtbar und wertgeschätzt werden. Während des gesamten Moduls werden die Schülerinnen und Schüler eng begleitet. Die pädagogische Unterstützung hilft ihnen, realistische Planungen vorzunehmen, Absprachen einzuhalten und Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen. So wird die Entlassung nicht nur als formaler Schulabschluss erlebt, sondern als bewusst gestalteter Übergang, der Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und Stolz auf das Erreichte fördert.
Modul 5: Elternpraktikum
Das Elternpraktikum ist ein eigenständiges und besonders bedeutsames Modul der Zukunftswerkstatt der Friedrich-von-Bodelschwingh-Schule. Es wurde gezielt an die Bedürfnisse, Lernvoraussetzungen und Standortbedingungen unserer Schülerinnen und Schüler mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung angepasst und ermöglicht eine intensive, lebensnahe Auseinandersetzung mit dem Thema Elternschaft. Ziel des Moduls ist es, den Schülerinnen und Schülern Verantwortung realistisch erfahrbar zu machen. Im Mittelpunkt steht die Pflege und Fürsorge eines Simulationsbabys, für das die Schülerinnen und Schüler über einen Zeitraum von drei Nächten und vier Tagen verantwortlich sind. Die Simulationsbabys werden für die Projektwoche über das Gesundheitsamt in Unna ausgeliehen. Während des gesamten Projekts werden die Schülerinnen und Schüler sehr eng von drei Kolleginnen begleitet.
Dem Elternpraktikum geht ein Vorbereitungskurs im Rahmen der Zukunftswerkstatt voraus. Hier setzen sich die Schülerinnen und Schüler alters- und entwicklungsangemessen mit den Themen Schwangerschaft und Geburt, Erziehung, Verantwortung, Zeitaufwand sowie den finanziellen Aspekten von Elternschaft auseinander. Zusätzlich findet vor Projektbeginn ein Elternabend statt, an dem die begleitenden Lehrkräfte die Eltern umfassend informieren und in den Umgang mit den Simulationsbabys einführen.
Die Projektwoche verläuft nach einem klar strukturierten Ablauf von Montag bis Freitag. Am Montag findet die sogenannte Geburtsstunde statt: Die Schülerinnen und Schüler erhalten jeweils ihr eigenes Baby, ziehen es mit zuvor selbstständig besorgter, wettergerechter Babykleidung an und werden in den Umgang eingeführt. Am Dienstag fahren die Schülerinnen und Schüler gemeinsam mit den Lehrkräften und ihren Babys zu IKEA, um sich praxisnah mit der Ausstattung und den Bedürfnissen eines Säuglings auseinanderzusetzen und Aspekte wie Planung, Notwendigkeit und Kosten zu reflektieren. Am Mittwoch betreuen die Schülerinnen und Schüler ihr Baby eigenständig zu Hause, wodurch Verantwortung im häuslichen Alltag realistisch erfahrbar wird. Am Donnerstag erfolgt im Laufe des Tages die Rückgabe der Babys und eine gemeinsame erste Auswertung der Erfahrungen. Der Freitag dient der vertiefenden Reflexion: Die Schülerinnen und Schüler erstellen Plakate, dokumentieren ihre Erlebnisse und formulieren jeweils einen persönlichen Satz, der eine zentrale Erkenntnis aus dem Projekt festhält. Während der gesamten Projektwoche führen die Schülerinnen und Schüler ein Tagebuch, in dem sie fortlaufend ihre Erfahrungen, Emotionen und Herausforderungen festhalten. Ergänzend wird ein Klassenraum von den begleitenden Lehrkräften wohnungsähnlich gestaltet (u. a. Wickelplätze, Couchecke, Zubereitungsecke, Nachtlicht- und Wärmelampensimulationen), um das Projekt möglichst realitätsnah umzusetzen. Auch gemeinsame Einkäufe sind Teil des Projekts. Durch die Verbindung von praktischer Erfahrung, enger Begleitung und kontinuierlicher Reflexion entwickeln die Schülerinnen und Schüler ein realistisches Verständnis von Elternschaft, stärken ihr Verantwortungsbewusstsein und setzen sich reflektiert mit wichtigen Lebensentscheidungen auseinander.
Modul 6: Jugend stark machen
Dieses Modul richtet sich insbesondere an zurückhaltende und schüchterne Schülerinnen und Schüler. Ziel ist es, Selbstbewusstsein, Kommunikationsfähigkeit und soziale Kompetenzen zu stärken. Die Lerngruppe wird als unterstützende Gemeinschaft erlebt, in der Austausch, gegenseitige Hilfe und Solidarität gefördert werden.
